Octavian

Der Machtkampf zwischen Octavian und Antonius

5. Untersuchungsergebnis

"Tut den Führern kund,
Dass wir morgen die letzte vieler Schlachten
Zu fechten denken."
[45]

Octavian gewann die politische und militärische Schlacht aufgrund seiner Skrupellosisgkeit und seines Gespürs. Er suchte direkte Entscheidungen und handelte in wichtigen Momenten instinktiv richtig. Zu diesen Charaktereigenschaften, dem Grundstein für eine politische Karriere, kam auch noch das berühmte Quentchen Glück dazu. Aus dem engen Geflecht von Freunden und Förderern ragte Agrippa heraus. Ohne ihn wären viele Schlachten nicht so eindeutig für den späteren Kaiser gewonnen worden.
Die Geographie der Macht spielte ebenfalls eine wichtige Rolle. Wer in Rom regierte, war faktisch wesentlich stärker an das Recht gebunden als ein Provinzherrscher im fernen Ägypten.
Dafür wurde der, der im Zentrum der damals bekannten Welt sprach, auch gehört. Diesen Umstand nutzte Octavian mit einer noch nie dagewesenen Propaganda, die zur Grundlage seiner tatsächlichen Macht werden sollte. Der vermeintliche Nachteil, direkt vor den Augen des Gesetzes agieren zu müssen, rief den Taktiker und Diplomaten auf den Plan. Octavian hat immer versucht, seine Aktionen zu legitimieren, alles andere hätte schlimme Folgen nach sich ziehen können.
In der Staatsstreichdebatte ist sowohl die Position Mommsens, als auch die Girardets, akzeptabel. Fest steht für mich, das es eine staatsrechtlich legale Konstruktion, wenn auch sehr instabil, für Octavian gab. Das führt aber zur eigentlichen Erkenntnis dieser Situation: Eine halblegale, undefinierte Position gab in jenen Tagen bereits ausreichend Raum, um die tatsächliche Macht spielen zu lassen. Gesetze wurden zum Vorteil der faktisch Mächtigen relativiert. Damit ist Octavian ein typisches Beispiel dieser Entwicklung in der ganzen römischen Geschichte. Die mos maiorum wurde zunehmend zum Erfüllungsgehilfen derer, die die Gewalt in Händen hielten.
In diesem Sinne interpretiere ich auch den Eid. Er drückte mindestens den Ausdruck politischer und militärischer Gefolgschaft aus, höchstwahrscheinlich um wesentlich mehr. Wer aber den Staatsstreich verneint und sich die Machtverhältnisse vergegenwärtigt, der weiß, das man Octavian als dux belli ausgerufen haben könnte, er dies faktisch aber nicht nötig hatte.
Aber nicht nur List und Wagemut führten Octavian zum Augustustitel, auch die Schwäche des Marcus Antonius. Letzterer war Soldat und kein Feldherr. Im Kämpfen seiner Truppe anscheinend ein Vorbild, scheiterte Antonius an Entscheidungsschwäche, schlechter Planung und Organisation sowie individuellen Fehlern.
Der erste Fehler hieß Kleopatra. Die Beziehung zu ihr war wie eine Einladung für die Propaganda Octavians. Sie stand für die Entfremdung von Rom und steckte höchstwahrscheinlich auch hinter einer Reihe zweifelhafter Entscheidungen von Antonius.
Militärische Fehler waren der Bau unpassender Schiffe und eine falsche Information. Das die viel zu grossen Schiffe des Antonius durch die kleine wendige Flotte unter Agrippa aufgerieben wurde entschied den Krieg. Gewinnen können hätte Antonius vielleicht noch im Jahre 32 v. Chr.. Kriegsbereit wurde der Gegner an der illyrischen Küste vermutet (und deshalb nicht angegriffen), doch davon waren die Truppen des Octavian noch weit entfernt.
Staatsmännische Fähigkeiten sowie der Instinkt für Situationen und Macht im Allgemeinen entschieden also den abschließenden Machtkampf zwischen Octavian und Antonius.

[45] William Shakespeare: Antonius und Cleopatra. Trauerspiel in fünf Akten, übers. von Wolf Heinrich Graf Baudissin, rev. von Alfred Günther, Stuttgart 1964. Zitat: Cäsar (Octavian), 4. Akt, 1. Szene.
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